Graukäse Herstellung: Ohne Lab, nur mit Zeit
Früher war er der Käse der Armen. Heute ist er geschützte Herkunft, Slow-Food-Erbe und einer der eigenartigsten Käse der Alpen — weil er als einziger Tiroler Käse vollständig ohne Lab auskommt. Kein tierisches Enzym, kein Hilfsmittel. Nur entrahmte Heumilch, Milchsäurebakterien und die stille Geduld eines Naturkellers im Zillertal.
Hermann Fankhauser vom Zillertaler BergSenn kennt diesen Weg seit Jahrzehnten. Sechs Stationen liegen zwischen der frischen Magermilch und dem fertigen Laib — und keine davon lässt sich abkürzen.
Warum kein Lab? Die Logik hinter dem Sauermilchkäse
Die meisten Käsesorten brauchen Lab, um die Milch zum Gerinnen zu bringen. Graukäse aus dem Zillertal nicht. Er gehört zur alten Familie der Sauermilchkäse — die Gerinnung übernehmen allein die natürlichen Milchsäurebakterien. Das war keine bewusste Entscheidung für Purismus, sondern schlicht die Herkunft: Der Käse entstand als Verwertung der Buttermilch, die nach dem Butterrühren übrigblieb. Die Rahmmilch wurde zu Butter verarbeitet, die magere, entrahmte Restmilch zu Graukäse.
Silagefütterung ist dabei ausgeschlossen — nicht als Marketingversprechen, sondern als Realität auf den Bergbauernhöfen im Zillertal, die bis heute Heumilch liefern. Silage würde die natürliche Bakterienflora der Rohmilch stören. Die Qualität des Graukäses beginnt also nicht in der Sennerei, sondern auf der Alm.
Mehr zur Frage, warum der Verzicht auf Lab für diesen Käse nicht nur möglich, sondern zwingend ist, liest du in unserem Artikel Graukäse ohne Lab — warum das funktioniert.
Station 1: Anlieferung der Magermilch von Bergbauernhöfen

Die Basis des Graukäses aus dem Zillertal ist Magermilch — konsequent entrahmt, frisch angeliefert von Bergbauernhöfen im Zillertaler Hochgebirge. Keine Vollmilch, keine zugekaufte Industriemilch. Die Bauern, die Hermann Fankhauser beliefern, wirtschaften nach der alten Ordnung: Heu statt Silage, Weide statt Laufstall, Geduld statt Tempo.
Die entrahmte Heumilch bringt eine natürliche Bakterienflora mit, die für die spätere Säuregerinnung entscheidend ist. Je besser die Milch, desto verlässlicher der Käse — das ist bei Graukäse keine Floskel, sondern Physik.
Warum Heumilch und warum keine Silage? Die Hintergründe dazu in unserem Artikel Graukäse aus Magermilch — Heumilch, silagefrei.
Station 2: Natürliche Säuregerinnung bei 20–25 °C
Keine Zugabe von Lab, kein chemischer Schnellschluss. Die frische Magermilch kommt in den Bottich und wartet — bei 20 bis 25 Grad Celsius, über viele Stunden. Die Milchsäurebakterien, die bereits in der Rohmilch leben, produzieren Milchsäure. Der pH-Wert sinkt. Irgendwann, wenn die Säure hoch genug ist, beginnt das Kasein zu flocken und die Milch zu einem weichen Gallert zu gerinnen.
Das ist Sauermilchkäse-Herstellung in ihrer reinsten Form — keine Abkürzung, keine Technisierung. Die Gerinnungszeit schwankt je nach Milchqualität und Außentemperatur. Hermann Fankhauser prüft den Gallert per Hand: Wenn der Bruch sauber schneidet und nicht mehr an den Fingern klebt, ist die Zeit gekommen.
Den genauen biochemischen Ablauf der Säuregerinnung — und warum Milchsäurebakterien bei diesem Käse die einzige Triebkraft sind — erklären wir ausführlich in unserem Artikel Graukäse und die Säuregerinnung — Milchsäurebakterien erklärt.
Station 3: Erhitzen und Brucharbeiten
Nach der Gerinnung kommt Wärme. Der Sauermilchbruch wird behutsam auf etwa 50–55 Grad erhitzt. Die Molke trennt sich. Der Käsebruch zieht sich zusammen, wird fester, trockener. Dieses Erhitzen bestimmt später die typisch bröseligen Eigenschaften des Graukäses — er wird nie cremig, nie geschmeidig. Er bricht.
Das Ausschöpfen und erste Abtropfen des Bruches ist körperliche Arbeit. Der Bruch muss gleichmäßig behandelt werden, damit der spätere Laib eine konsistente Textur bekommt — innen weiß, fest, mit jener bröselig-trockenen Struktur, die den Graukäse so unverwechselbar macht.
Station 4: Salzen und Pressen in Holzformen

Der abgetropfte Bruch wird gesalzen — von Hand, nach Erfahrung, nicht nach Gramm. Das Salz entzieht weitere Molke, stabilisiert die Konsistenz und gibt dem Käse seinen ersten Geschmacksimpuls. Danach kommt er in Holzformen. Nicht in Plastikformen, nicht in Edelstahlkörbe. Holz atmet, gibt ab, nimmt auf — das beeinflusst die Oberflächenreife bereits in dieser frühen Phase.
Gepresst wird leicht und langsam. Graukäse soll keine kompakte, geschlossene Paste werden. Die bröseligen Eigenschaften — jenes säuerliche Brechen beim Anschnitt — entstehen genau jetzt, in der Form, beim schonenden Pressen.
Station 5: 2–3 Wochen Reife im Naturkeller
Der Laib zieht in den Keller. Dunkel, feucht, kühl — kein Klimagerät, kein Sensor. Naturkeller nach alter Manier. In den ersten Tagen bildet sich die charakteristische grau-grüne Rinde, ein Zeichen der aktiven Oberflächenreifung durch Hefen und Schimmelpilze, die im Keller heimisch sind.
Zwei bis drei Wochen braucht der Käse mindestens. In dieser Zeit entwickelt sich sein säuerlich-strohiger Duft, der typische Anschnitt-Geruch, der beim ersten Aufschneiden aus dem Laib steigt — rau, lebendig, ein wenig scharf. Wer Graukäse zum ersten Mal riecht, weiß sofort: Das ist kein junger Käse, kein milder Aufschnitt. Das ist etwas, das Zeit gehabt hat.
Die Details zur Reife — Kellerklima, Rindenbildung, Wenderhythmus — findest du in unserem Artikel Graukäse-Reifung: Naturkeller und Holzform.
Station 6: g.U.-Schutz und Slow-Food-Anerkennung
Graukäse aus dem Zillertal trägt das EU-Gütesiegel der geschützten Ursprungsbezeichnung (g.U.). Das bedeutet: Herstellung, Reifung und Verpackung müssen in der definierten Region erfolgen. Kein Käse aus einem anderen Tal darf diese Bezeichnung tragen — egal wie ähnlich das Verfahren wäre.
Zusätzlich ist Graukäse aus dem Zillertal Teil der Slow-Food-Arche des Geschmacks. Das ist keine Marketingkategorie, sondern die Anerkennung, dass dieser Käse ein gefährdetes Lebensmittel-Kulturerbe darstellt — eine Herstellungstradition, die ohne aktive Pflege und Weitergabe verschwinden würde.
Hermann Fankhauser vom Zillertaler BergSenn ist einer jener wenigen Senner, die dieses Handwerk noch vollständig nach traditioneller Methode betreiben. Nicht als Museumsprojekt — sondern als lebendige Produktion, die jeden Tag auf echter Bergbauernmilch basiert.
Den rechtlichen Rahmen des g.U.-Schutzes und die Bedeutung der Slow-Food-Auszeichnung für den Fortbestand des Käses erklären wir in unserem Artikel Graukäse g.U. und Slow-Food — ein Kulturgut.
Vom Butterrest zum Laib
Sechs Stationen, keine Abkürzungen. Die Graukäse-Herstellung aus dem Zillertal ist das Gegenteil von Industrieproduktion: kein Lab, keine Klimaanlage, keine standardisierten Reifezeiten. Nur Milch, Bakterien, Salz, Holz und Zeit.
Das macht ihn eigenwillig. Der Anschnitt bricht, nicht schneidet. Der Duft ist rau, nicht mild. Der Geschmack ist säuerlich und direkt — kein Käse, der sich versteckt.
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