Herstellung im Detail: Wie der Zillertaler Graukäse traditionell produziert wird
Der Zillertaler Graukäse ist mehr als ein Käse — er ist Ausdruck einer jahrhundertealten Tiroler Handwerkskunst und regionaler Identität. In diesem Beitrag begleite ich die traditionelle Verwandlung der regionalen Heumilch Schritt für Schritt: von der Almwiese bis zum gereiften Laib mit der typischen grau-blauen Rinde. ⏱️ 5-min read
Die Essenz des Zillertals: Was ist Graukäse?
Der Zillertaler Graukäse ist eine regionale Spezialität aus Tirol und als geschützte geografische Angabe (g.U.) anerkannt. Charakteristisch sind sein niedriger Fettgehalt, die würzige, leicht säuerliche Note und die graue bis bläuliche natürliche Rinde, die durch heimische Schimmel- und Hefepopulationen entsteht. Er gilt als Ausdruck der bergbäuerlichen Milchverarbeitung: einfach, naturbelassen und geschmacklich kräftig.
Die Basis: Frische Heumilch aus dem Zillertal
Alles beginnt mit der Heumilch: Kühe, die vorwiegend mit Heu und frischem Gras gefüttert werden (kein Silagefutter), liefern eine Milch mit besonderem Geschmacksprofil und stabiler mikrobieller Zusammensetzung. Diese Milch ist oft roh verarbeitet oder nur schonend behandelt, um die natürlichen Milchsäurebakterien zu erhalten — ein wichtiger Faktor für den späteren Geschmack und die typische Reifung.
Der erste Schritt: Magermilch und die Säuerung
Entrahmung und Gewinnung der Magermilch
Traditionell wird die frische Heumilch erst entrahmt, um den Rahm für andere Produkte zu gewinnen. Zur Herstellung des Graukäses wird die entrahmte Milch (Magermilch) verwendet. Dadurch entsteht ein fettarmes Endprodukt mit der für Graukäse typischen Textur.
Säuerung und mikrobieller Start
Die Magermilch wird nicht sofort wärmebehandelt, sondern lässt man sie mit den natürlichen Milchsäurebakterien ansetzen. Diese Säuerung ist meist rein mikrobiell (laktisch), das heißt die Milch wird durch Milchsäurebakterien sauer, was die Grundlage für die spätere Gerinnung bildet. Dadurch entwickeln sich frühe Geschmacksnuancen und die spätere Festigkeit des Bruchs.
Gerinnung und Bruch: Die Käsebereitung beginnt
Bei traditionellem Graukäse kommt die Koagulation oft hauptsächlich durch Säurezustand zustande; Lab wird je nach Betrieb wenig oder gar nicht eingesetzt. Sobald die Milch ausreichend angesäuert ist, beginnt sie zu gerinnen.
- Kontrolle der Säure: Der Käser überprüft die Säureentwicklung, um den idealen Gerinnungszeitpunkt zu finden.
- Herstellen des Bruchs: Die geronnene Masse wird vorsichtig in Bruch geschnitten. Die Größe der Bruchstücke beeinflusst die Feuchtigkeit und damit die spätere Textur des Käses.
- Molke ablassen: Durch leichtes Rühren und Ruhen trennt sich Molke und die feste Käsemasse kann sich formen.
Dieser Abschnitt ist entscheidend: zu grober Bruch führt zu trockenen, zu feiner Bruch zu weichen Strukturen. Die Erfahrung des Käsermeisters entscheidet über das richtige Maß.
Formen und Salzen: Der Käse nimmt Gestalt an
Nachdem der Bruch ausreichend entwässert ist, wird die Masse in traditionelle Formen gefüllt. Bei vielen Erzeugern geschieht dies von Hand, um Lufttaschen zu vermeiden und die richtige Kompaktheit zu erreichen.
Manuelles Formen
Die Formen sind meist schlicht und erlauben ein langsames Abtropfen. Der Käse wird mehrfach gewendet, damit die Molke gleichmäßig austreten kann und die feste Struktur entsteht.
Salzen
Das Salzen erfolgt traditionell manuell: Salz wird auf die Oberfläche eingerieben oder die Laibe werden in einer Sole gelagert. Das Salz beeinflusst nicht nur den Geschmack, sondern auch die Rindenbildung, das Wachstum der oberflächlichen Mikroflora und die Haltbarkeit.
Die Reifung: Geduld, Mikroben und der einzigartige Geschmack
Die Reifung ist die Phase, in der der Graukäse seine Identität erhält. Die Laibe kommen in kühle, feuchte Reiferäume oder naturbelassene Keller, in denen Temperatur und Luftfeuchte gezielt gesteuert werden, um die Entwicklung der charakteristischen Rinde zu fördern.
- Klima: Kühl und feucht — genau eingestellt, damit natürliche Schimmelpilze und Hefen sich wohlfühlen.
- Mikroflora: Heimische Edelschimmel, Hefen und Milchsäurebakterien bilden zusammen die graue bis bläuliche Rinde und das komplexe Aroma.
- Pflege: Regelmäßiges Wenden, gelegentliches Abreiben oder Bespülen beeinflussen die Rindenbildung und verhindern unerwünschte Beläge.
Je nach Tradition und gewünschter Intensität reift der Käse über mehrere Wochen bis Monate. Während dieser Zeit baut die Mikroflora Eiweiße und Fettbestandteile ab, wodurch die Textur mürbe bis fest, der Geschmack aber zunehmend würziger und aromatischer wird.
Graukäse genießen: Traditionelle Servierarten und Rezepte
Graukäse ist vielseitig: pur, als Brotaufstrich oder als Bestandteil rustikaler Gerichte. Traditionell wird er oft einfach serviert, um seine komplexe Würze nicht zu überdecken.
- Klassisch: Auf Bauernbrot, mit fein gehackten Zwiebeln, etwas Essig und Öl — ein typischer Tiroler Genuss.
- Als Brotaufstrich: Zerkrümelt, mit etwas Butter oder Frischkäse vermischt, auf Schwarz- oder Roggenbrot.
- Im Salat: Kleine Stücke in einem lauwarmen Kartoffelsalat oder gemischt mit frischen Kräutern.
- In der Küche: Würzt herzhafte Gratins oder Suppen, wo der intensive Geschmack gezielt eingesetzt wird.
Ein Stück Heimat: Graukäse als Kulturgut
Der Zillertaler Graukäse steht für mehr als Geschmack — er steht für regionale Verbundenheit, handwerkliche Kompetenz und den respektvollen Umgang mit natürlichen Rohstoffen. Als g.U.-Produkt schützt er die traditionelle Herstellungsweise und sichert, dass nur echte Zillertaler Heumilch und überlieferte Verfahren in den Laib gelangen. Für viele Einheimische ist er ein Stück gelebte Kultur: auf der Alm, am Tisch und in der Erinnerung an eine ursprüngliche Lebensmittelproduktion.
Wer Graukäse probiert, schmeckt also nicht nur Käse — er schmeckt Zillertal, Handwerk und Zeit.



